Diese Woche durfte ich mit der großartigen Lena sprechen. Sie spricht offen über ihr Leben, ihre Gefühle und darüber, wie es für sie war, als Junge auf die Welt zu kommen.

Lena war gerade einmal vier Jahre alt als sie zum ersten Mal spürte, dass sie sich anders fühlt, fremd in ihrem eigenen Körper. Es ist das Alter, in dem Kinder erstmalig bewusst wahrnehmen, dass es körperliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt.
Damals hieß Lena noch Hendrik. Sie kam als Junge zur Welt, fühlte sich aber schon von klein auf nicht richtig in dieser Geschlechterrolle: „Ich kann dieses Gefühl gar nicht richtig erklären. Es fühlte sich einfach falsch an, ein Junge zu sein“, sagt sie im Interview mit Mädelsschnack.

Transsexualität ist nicht nur eine Phase

Ihre Eltern bemerkten zwar, dass Lena sich in einem Zwiespalt mit sich selbst befindet, glaubten aber, es sei nur eine Phase.
Doch es war viel mehr als nur eine Phase: Es war Lenas Gefühlswelt, die plötzlich komplett auf dem Kopf stand. „Ich konnte einfach nicht verstehen, warum ich ein Junge bin und ich wollte es auch nicht akzeptieren“, sagt sie.
Lena war verwirrt und wusste nicht, was all die Gedanken und Widersprüche zu ihrem eigenen Körper zu bedeuten haben. Bis sie sich ungefähr im Alter von acht Jahren heimlich eine Reportage über Transsexualität anschaute. Die Reportage gab ihr viele Antworten, auf Fragen, die sie sich schon lange stellte. Nun wusste sie: Sie ist ein Mädchen, das im Körper eines Junges geboren wurde. Und sie wusste auch, dass sie damit nicht alleine ist.

Mädelsschnack l Transsexualität Leben im falschen Körper 1

Als Hendrik fühlte sich Lena nie wohl in ihrem Körper: „Ich konnte nicht akzeptieren, dass ich ein Junge bin“, sagt sie.

Dennoch dauerte es viele Jahre, bis Lena sich endlich traute, offen über ihr Schicksal zu sprechen.
Bisher war sie in der Schule nicht groß aufgefallen. Sie umgab sich vor allem mit ihren Mitschülerinnen und trug Unisex-Kleidung. Manche dachten, Lena (damals ja noch Hendrik) sei schwul, aber ansonsten wurde sie in Ruhe gelassen.
Das änderte sich, als Lena sich mit 14 Jahren einem Mitschüler anvertraute: „Der Mitschüler, vor dem ich mich geoutet habe, hat es rum erzählt und plötzlich wussten es alle an meiner Schule“, sagt sie. „Es war furchtbar. Ich wurde heftig beschimpft, als pervers, krank und gestört. Meine Mitschüler haben Rasierklingen nach mir geworfen, mich verprügelt und mich am Boden festgehalten, während andere auf mich uriniert haben.“

Eine unvorstellbar schwere Zeit! Eine Zeit, die Lena natürlich enorm belastete: „Ich habe viele Selbstmordversuche unternommen. Ich saß auch mal mit einer Rasierklinge auf dem Badewannenrand und wollte mir meinen Penis abschneiden. Ich wollte einfach, dass endlich alles aufhört“, erinnert sich Lena.

Das Schlimmste: In den Monaten und Jahren, in denen Lena mit den üblen verbalen Anfeindungen und körperlichen Übergriffen zurechtkommen musste, fühlte sie sich außerdem gefangen in ihrem eigenen Körper. Sie hatte keine Gelegenheit, ihre Gefühle und Bedürfnisse auszuleben – nur hin und wieder, mitten in der Nacht, wagte sie es doch. „Das waren die einzigen Momente, in denen ich eine Frau sein durfte. Ich habe mich geschminkt und Kleider angezogen. Eben all das gemacht, was sinnbildlich für die Weiblichkeit steht“, sagt sie.

Viele verstehen Transsexualität noch immer nicht

Erst mit Anfang zwanzig ging es Lena wieder besser. Sie zog um nach Köln und lernte dort Menschen kennen, denen es genauso geht wie ihr. Sie sind es auch, die Lena dazu ermutigten, ihrem Herzen zu folgen und nicht länger als Hendrik, sondern endlich als Frau zu leben. Genau das, was sie sich schon seit ihrer Kindheit wünscht!

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Dank der Hormontherapie werden Lenas Gesichtszüge weicher und ihre Brüste beginnen zu wachsen.

Der erste Schritt: den Namen ändern. Um das möglich zu machen, musste Lena zu Psychologen gehen, die bestätigen, dass sie bereit für diese enorme Veränderung ist. Als der Zeitpunkt dann endlich gekommen war, fiel es Lena leicht, sich für einen Namen zu entscheiden: „Wenn ich als Mädchen zur Welt gekommen wäre, hätte meine Mutter mich Lena genannt. Ich habe diesen Namen gewählt, weil ich hoffte, dass es dadurch leichter für meine Mutter werden würde, meine Entscheidung zu akzeptieren“, erklärt sie ihre Namensfindung.
Lena bekam eine neue Geburtsurkunde, einen neuen Pass, einen neuen Führerschein: „Endlich war ich als Frau eingetragen und registriert, jetzt musste nur noch mein Körper entsprechend verändert werden“, berichtet Lena.

„Transsexualität ist keine Krankheit, es ist einfach normal.“

Sie begann mit einer Hormontherapie. Über Spritzen, Tabletten, Pflaster oder Gel, das man sich einfach auf die Haut schmiert, werden dem Körper weibliche Hormone hinzugefügt und männliche gestoppt. Eine enorme Belastung für die Psyche, wie Lena weiß: „Im Körper herrscht ein wahrer Kampf der Hormone! Das kann nicht nur deinen Körper, sondern auch deine Psyche ganz schön aus dem Takt bringen. Deshalb ist es so wichtig, dass du auch wirklich bereit dafür bist.“
Obwohl Lena bereit war, setzte auch ihr die Hormontherapie schwer zu. Besonders in der ersten Zeit fiel sie in ein emotionales Tief und hegte sogar wieder Selbstmordgedanken. „Aber irgendwann beginnt dein Körper sich wirklich zu ändern“, sagt sie. „Die Gesichtszüge werden weicher und die Körperbehaarung geht zurück. Das hat natürlich sehr gut getan und mir auch wieder Kraft gegeben.“

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Lena entscheidet sich für eine geschlechtsangleichende Operation und wird so endlich zur Frau.

Ein halbes Jahr später folgte die erste geschlechtsangleichende Operation. Während Lena ein Großteil der Kosten für die psychologischen Gutachten selber tragen musste, wurden die operative Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung nahezu komplett von der Krankenkassen übernommen.
Normalerweise braucht es zwei Eingriffe im Genitalbereich, um vom Jungen zum Mädchen zu werden. Doch bei Lena lief alles anders: „Nach der OP hatte ich Komplikationen. Meine Schamlippe hat sich entzündet und ich musste erneut operiert werden“, erklärt sie.
Doch das Martyrium nahm kein Ende: Es traten immer wieder Komplikationen auf und Lena musste sich bisher schon neunmal im Genitalbereich operieren lassen. „Es hatte sich einfach alles immer wieder entzündet und dann auch noch vernarbt“, so Lena. „Mein Arzt meinte: Von Außen sieht es aus wie bei jeder anderen Frau, aber innen herrscht nur noch Müll!“

Deshalb hat Lena es auch immer noch nicht überstanden: Sie muss bald erneut auf den OP-Tisch, weil die Ärzte ihr ein Stück des Darms entfernen wollen, um daraus eine neue Scheidenwand zu bilden.
„Das ist schon alles nicht so schön, aber ich möchte dadurch niemand anderes entmutigen. Normalerweise braucht es nur zwei Eingriffe, die ich persönlich noch nicht einmal sonderlich schmerzhaft fand. Außerdem bereue ich den Schritt, mein Geschlecht angleichen zu lassen, nicht eine Sekunde – trotz der Schmerzen“, sagt Lena.
Wenn Lenas Genitalbereich endlich gut verheilt ist, möchte sie außerdem noch ihre Brust vergrößern lassen und ihre Stimmbänder verkürzen, um eine hellere Stimme zu bekommen. „Und dann bin ich endlich eine gesunde und vollwertige Frau. Es fehlt nur noch der Feinschliff“, freut sie sich.

Etwas, das sie sich schon seit Jahren wünscht. Was sie sich sonst noch wünscht? Das die Leute endlich toleranter werden und aufhören, Menschen wie sie zu verurteilen!

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Trotz aller Schwierigkeiten, Schmerzen und Herausforderungen, fühlt Lena sich endlich wohl in ihrem Körper.

Vielen Dank, liebe Lena, dass du so offen über deine Erfahrungen gesprochen hast!
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Lena, du bist großartig! Genauso wie alle anderen hier!